Stellungnahme des BV-H e.V. zur Meinungsäußerung von Dr. Andres

Der Bundesverband der Honorarärzte e.V. hat sich als fachübergreifende Interessensvertretung freiberuflicher Ärzte im Jahr 2008 gegründet. Seit dieser Zeit beschäftigen wir uns intensiv mit der Entwicklung des Honorararztwesens in Deutschland. Wir beobachten aufmerksam die Strukturveränderungen des deutschen Gesundheitswesens. Besonders bemerkenswert war in den letzten 3 Jahren, dass sich immer mehr Kolleginnen und Kollegen für eine honorarärztliche Tätigkeit entschieden, die Gründe dafür gilt es herauszufinden. Der Bundesverband der Honorarärzte e.V. ist keine Vereinigung von Lobbyisten oder Propagandisten sondern ein Informationsnetzwerk und berufspolitische Interessensvertretung für seine Mitglieder. Im Gegensatz zum Ausland löst die Honorararzttätigkeit in Deutschlands heftigen Widerstand sowohl in den berufspolitischen Standesvertretungen als auch in den Krankenhäusern und anderen Heileinrichtungen aus. Der Honorararzt wird als Auslöser vieler Probleme, als Bedrohung ja sogar als gefährlich angesehen. Ein Beispiel für diese Haltung ist die Meinung von Herrn Dr. Andres.

 

Kommentar zum Kommentar

In seinem Meinungsbeitrag reiht Herr Dr. Andres die bekannten Vorwürfe und Vorurteile gegen Honorarärzte perlschnurartig auf: Honorarärzte als "Rosinenpicker", die das Personal zur Flucht aus dem Krankenhaus motivieren; Honorarärzte, die sich offensichtlich durch fachliche Defizite und fehlende Teamverantwortung auszeichnen und die Abteilung gar im Bemühen um Innovationen in Wissenschaft und IT-Technik ausbremsen; da fehlen auch nicht die angeblichen 120 Euro pro Stunde, die Honorarärzte nachweislich allerdings nur in sehr seltenen Fällen erzielen. Der bisher allerdings ungekrönte Gipfel der Vorwürfe von Dr. Andres ist seine Behauptung: "Das Honorararztwesen beginnt unsere ärztliche Versorgung zu destabilisieren." Honorarärzte stabilisieren Martin-Luther-Krankenhaus, Bochum. Um so erstaunlicher ist diese Meinungsäußerung vor dem Hintergrund, dass das Martin- Luther-Krankenhaus in Bochum-Wattenscheid im August 2010 quasi über Nacht alle angestellten Fachärzte für Anästhesie verloren hat. Damals kündigten u.a. nach massiven Auseinandersetzungen mit der dortigen kaufmännischen Leitung alle noch verbliebenen Anästhesisten und suchten ihr berufliches Glück andernorts. Der operative Betrieb des Krankenhauses stand vor dem sicheren Aus. Honorarärzte sicherten die operative Versorgung und damit auch die Einnahmen des Krankenhauses. Eine extreme und kostenintensive Ausnahmesituation, die jedoch den Totalverlust der Arbeitsplätze von Mitarbeitern und des heutigen Chefarztes verhinderte.

N = 1 > N = 1000?

Die Online-Umfrage von 2009 / 2010 (sog. Honorararztstudie) unter rund 1000 Honorarärz- ten kann methodisch nicht den höchsten Grad wissenschaftlicher Evidenz aufweisen. Gegenteiliges zu behaupten haben wir stets vermieden. Allerdings ist die Summation von Meinungen von Herrn Dr. Andres unter wissenschaftlicher Betrachtung noch bedeutungsloser (N=1). Zahlreiche Untersuchungen, die sich in den letzten Jahren mit der Motivation von Ärzten zur Abwanderung aus etablierter Tätigkeitsform beschäftigen, bestätigen hingegen unsere Daten. Ohne Zweifel gibt es Aspekte und Ausprägungen der honorarärztlichen Tätigkeit, die der BV-H e.V. stets kritisch betrachtet und begleitet hat. Das Honorararztwesen ist auch aus unserer Sicht kein gleichwertiges Substitut für eine gut funktionierende klinische Abteilungsstruktur oder ein eingespieltes Team. Gleichwohl gibt es spezialisierte Honorararztgemeinschaften, die einen qualitativen Vergleich mit klassischen Abteilungen nicht scheuen müssen. Eine Tätigkeit mit häufig wechselnden Einsatzorten und Strukturen hat ihre Grenzen und ihre spezifischen Nachteile sowohl für den Honorararzt als auch für die betroffenen Kliniken und Abteilungen. Unterschiede in Qualifikation und Engagement bei der Arbeit da- gegen sind normal verteilt und hängen nicht vom arbeits- und sozialrechtlichen Status eines Arztes ab.

Die Schuld der Honorarärzte?

Herr Dr. Andres wirft Ursachen und Wirkungen der historischen Entwicklung im deutschen Gesundheitswesen seit den 1980er Jahren gehörig durcheinander. Wenn notwendige Mittel dem System entzogen werden, so ist das nicht die Schuld der relativ wenigen Honorarärzte hierzulande. Im Gesundheitswesen wird an zahlreichen anderen Stellen kräftig mitverdient. Schon gar nicht kann man Honorarärzten eine regelrecht "destabilisierende Wirkung auf die ärztliche Versorgung" unterstellen. Das Gegenteil war im Haus von Herrn Dr. Andres nachweislich der Fall! Es erscheint allerdings verlockend, wenn man für die Strukturprobleme im Gesundheitswesen einige wenige Sündenböcke findet und so von komplexen Defiziten und eigenem Unvermögen ablenkt. So einfach ist es aber nicht. Die allgemeine Forderung von stabilen patienten- und mitarbeiterorientierten Klinikstrukturen besteht schon jahrzehntelang. Wurde die Zeit genutzt? Wer war für das Verschlafen der damals bereits deutlich absehbaren Entwicklung mitverantwortlich? Honorarärzte ganz sicher nicht!

Dass sich allein durch die bloße Existenz von Honorarärzten bereits ein modulierender Effekt auf die Arbeitszufriedenheit angestellten Personals ergibt, mag als Hypothese zulässig sein, man sollte es aber mindestens mit einer einzigen(!) Studie (N > 1) beweisen können. Diese komplexen Entwicklungen und Probleme in ein gesundheitspolitisches Schwarz-weiß-Bild zu transformieren, ist sicher zu simpel. Die stereotype Wiederholung von Bauchgefühlen und Meinungen machen daher aus Chefarztworten zwar Stimmungen aber keine Fakten.

Fakten und Trends

Im Jahr 2010 beobachteten wir einen regelrechten Boom honorarärztlicher Tätigkeit. Die Nachfrage der Kliniken stieg explosionsartig an, wurde vom Markt entsprechend beantwortet und prallte mit einem System zusammen, das sich bis zu diesem Zeitpunkt nur unzureichend damit beschäftigt hatte. Zahlreiche und schnell gegründete Vermittler witterten und machten auch ein gutes Geschäft. Ärzte ohne aus unserer Sicht notwendige Vorkenntnisse wurden magisch vom schnellen Verdienst angezogen. Dies mag so manchen Ärger zu jener Zeit erklären. 2011 und 2012 folgte eine Phase der Ernüchterung. Arbeits- und sozialrechtliche Probleme sorgten im Zusammenspiel mit zahlreichen Betriebsprüfungen der DRV (Deutsche Rentenversicherung, Bund) für einen erheblichen Rückgang der Nachfrage. In der Zwischenzeit beobachten wir eine deutliche Konsolidierung des Marktes. Die Kliniken versuchen andere Wege der Personalgewinnung zu beschreiten. Offene EU-Grenzen und entsprechende gesetzliche Bestimmungen erleichtern die Migration von Ärzten. Ehemalige Ärztevermittler erweitern ihr Geschäftsmodell auf andere Bereiche. Der Bedarf an qualifizierten Fachärzten wird sich jedoch kaum geändert haben und ist auch in Zukunft nicht rückläufig - im Gegenteil. Wir sollten daher alle gemeinsam an einer Professionalisierung, Qualifizierung und rechtssicheren Praktikabilität honorarärztlicher Tätigkeit interessiert sein. Aus diesem Grunde hat sich der Bundesverband der Honorarärzte zur Gründung einer Genossenschaft (LOCUMCERT eG) entschlossen, die zukünftig alternative, sichere und auch kostengünstige Wege der Honorararztvermittlung beschreiten möchte. Die von Herrn Dr. Andres nicht zu Unrecht kritisierten Provisonshöhen dürften so zukünftig relativiert werden können.

Das Ziel ist Professionalisierung und Rechtssicherheit

Das geplante Qualitätszertifikat des Bundesverbandes der Honorarärzte soll Kolleginnen und Kollegen unterstützen, ihre geschätzte und kompetente Arbeit als Honorararzt zu vernünftigen Konditionen leisten zu können. Es soll u.a. den Kliniken die Überprüfung von Echtheit und Gültigkeit ärztlicher Urkunden vereinfachen und vor unangenehmen Überraschungen schützen. Das Zertifikat des BV-H ist somit eine strukturverbessernde und vertrauensbildende Maßnahme professioneller Honorarärzte gegenüber ihren Auftraggebern. Es wird von uns als eine freiwillige Vorleistung zur Erhöhung der Praktikabilität und Rechtssicherheit angeboten.

Mindestens das Fortbildungszertifikat der Ärztekammern sowie Fach- und Sachkunden sollten auch die Ärzte im Martin-Luther-Krankenhaus, Bochum vorweisen können. Dass sie ganz ohne auskommen, wie Herr Dr. Andres es darstellt, wäre bedenklich.

GIFT für den gemeinsamen Weg!

Die kritischen Aspekte eines Honorararztsystems muss man offen diskutieren, kann sie aber letzten Endes nur gemeinsam(!) und nicht mit einem innerärztlichen Gegeneinander ändern. Weder nutzt ein Zertifikat allein seitens der Honorarärzte, um vorhandene Strukturmängel im Akquise- und Umsetzungsprozess honorarärztlicher Tätigkeit zu beseitigen, noch kommen wir weiter, wenn wir uns nur über die regelhaft falsch hoch eingeschätzte Stundenvergütung eines Freiberuflers echauffieren. Uns muss es gelingen, Kliniken und Honorarärzte gemeinsam an einen Tisch zu holen, um die Umsetzung einer honorarärztlichen Tätigkeit zu optimieren und auf rechtlich stabile Füße zu stellen. Dass man sie optimieren kann und muss, steht auch für uns außer Frage. Leider sind die polarisierenden und inhaltlich falschen Beiträge von Herrn Dr. Andres pures Gift für unsere Bemühungen diesen gemeinsamen Weg zu beschreiten.

Schlussendlich bleibt uns auch Herr Dr. Andres die wesentliche Antwort schuldig, wie denn eine stabile patienten- und mitarbeiterorientierte Klinikstruktur geschaffen werden könnte, um einen hoffnungslos ausgebeuteten ärztlichen Stand, der über viele Jahre hinweg geprägt wurde von unzählig unbezahlten Überstunden und 30-Stunden-Schichten, zurück an die reguläre Anstellung in Kliniken zu holen!

Dr. N. Schäfer - Bundesverband der Honorarärzte (BV-H e.V.) - 19. Februar 2013 zur Mei­nungs­äu­ße­rung von Dr. And­res - ver­öf­f­ent­licht in DÄB, Jg. 110, Heft 7, 15. Fe­bru­ar 2013, Po­li­tik.
In ei­nem po­li­ti­schen Kom­men­tar hat der Chef­arzt des Mar­tin-Lu­ther-Kran­ken­hau­ses, Bo­chum, Herr Dr. And­res, das Ho­no­rar­arzt­we­sen um­fas­send kri­ti­siert. Den Link zum Ori­gi­nal­bei­trag fin­den Sie nach­fol­gend: http://www.bv-honoraraerzte.de/content/e136/